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Viennale Heidenreichstein 2008


Im Jahr 1983 taucht in Maurice Pialats A Nos Amours eine Schauspielerin auf, wie sie dem Kino nur jedes Jahrzehnt einmal geschenkt wird: Sandrine
Bonnaire. Etwa zur gleichen Zeit, als dieser Film entstand, begann der Teenager Sandrine selbst filmische Aufnahmen zu machen, eine Art Tagebuch
über sich selbst, ihre Familie, vor allem jedoch über ihre Schwester Sabine. Bei Sabine hatte sich im Laufe ihrer Kindheit
langsam eine grundlegende psychische Veränderung vollzogen, eine Art jugendlicher Autismus, der immer stärkere und aggressivere
Züge annahm, bis sie schließlich von ihrer hilflosen Familie in eine psychiatrische Behandlung übergeben wurde.
Nach tragischen fünf Jahren der Hospitalisierung kehrt ein zutiefst veränderter Mensch zurück.
Diesem Menschen widmet Sandrine Bonnaire ihre tiefe, liebevolle Aufmerksamkeit, ihre praktische Unterstützung und Hilfe und schließlich jenen
kleinen, manchmal traurigen und zugleich unendlich zärtlichen Film. Elle s’appelle Sabine ist eine mutige Arbeit, weil
sie ein Stück private Geschichte öffentlich macht, ein Eingeständnis der Hilflosigkeit und eines immer neuen geduldigen Bemühens.
„Kommst du morgen wieder?“, fragt Sabine in zwanghafter ängstlicher Wiederholung ihre Schwester. Die Antwort ist jene schöne, filmische
Liebeserklärung.


Revanche ist die Geschichte einer heimlichen Liebe im Wiener Halbweltmilieu zwischen dem Kleinkriminellen
Alex und der ukrainischen Prostituierten Tamara. Beim Versuch, sich aus dem gewalttätigen und erniedrigenden Leben zu befreien, geschieht ein
tragisches Missgeschick. Ein von Alex geplanter Banküberfall endet mit Tamaras Tod. Verzwickt in
eine unentwirrbare Mischung aus Schuld, Rache und Verzweiflung sucht Alex Revanche und Genugtuung.
Der neue Film des Regisseurs Götz Spielmann ist eine Ausnahmeerscheinung im österreichischen Kino und mit Sicherheit eine der schlüssigsten und
interessantesten Arbeiten der letzten Zeit. Was Spielmanns Stärke ausmacht und seinen Film von manchen Halbherzigkeiten und Klischees anderer
heimischer Filme unterscheidet, ist die Genauigkeit und Selbstverständlichkeit der Milieuschilderung,
sowohl was das Leben in der Stadt als auch am Land angeht, die realistische Konstruktion und Darstellungsweise
seiner Figuren und der spannende narrative Bau seiner Geschichte. Revanche ist nicht mehr und nicht weniger als ein Glücksfall im Kino
dieser Tage.


Bis heute gilt der 1983 entstandene Film A Nos Amours als eine der wichtigsten und schonungslosesten Auseinandersetzungen mit der Welt des
Erwachsenwerdens, den Erwartungen und Verunsicherungen einer Generation zwischen jugendlichem Aufbegehren und den ersten wilden
Versuchen einer ersten, radikalen Selbstbestimmung. 1983 als wichtigster französischer Film des Jahres mit dem César ausgezeichnet, war A Nos
Amours zugleich die Geburtsstunde einer der größten und eigenwilligsten Schauspielerpersönlichkeiten des europäischen Kinos, der damals knapp
16-jährigen Sandrine Bonnaire. "Endlich hat das französische Kino ein neues Gesicht", schrieb damals "Le Monde" begeistert, "ein Mädchen,
das nicht von der Schauspielschule oder aus den Pariser Salons kommt, sondern eine raue, lebendige
Erscheinung aus einem anderen Frankreich."


Im ländlichen Milieu der österreichischen Voralpen, irgendwann vor Beginn des zweiten Weltkrieges, siedelt Stefan Ruzowitzky
seine Fabel über sieben Knechte an, die nach dem Tod ihres Herrn dessen Hof erben und beschließen, diesen selber zu
bewirtschaften, entgegen der herrschenden Sitte. Diese Siebtelbauern behaupten sich gegen den Widerstand der hofbesitzenden Dorfbewohner, sie
können Schulden abzahlen und Gewinne verbuchen, und ihr eigensinniger Mut und ihr selbstbewusstes Verhalten gegenüber den übrigen
Bauern bereitet den Boden für andere Knechte der umliegenden Höfe, um sich ihr Leben nicht von ihren Herren diktieren zu lassen.
Über die gängigen Klischees des alten Heimatfilms und enge Genregrenzen hinweg, erzählt Ruzowitzky diese ungewöhnliche
und zugleich archaische Geschichte von den sieben Knechten mit filmischem Witz und Einfallsreichtum und einer eigensinnigen Art von
Stilisierung. Die Siebtelbauern ist ein Alpenwestern, ein filmischer Showdown, in dem die alte bäuerliche
Ordnung sich noch einmal gegen eine andere, neue Ordnung verteidigen muss. Der vor 10 Jahren
entstandene Film wurde mit einer Reihe von Preisen ausgezeichnet und markierte den Anfang einer internationalen Karriere für den Regisseur
Ruzowitzky, eine Karriere, die in diesem Jahr mit der Verleihung des Oscars für seinen Film Die Fälscher
einen neuen Höhepunkt erreicht hat.


Teheran im April 2006. Vor einigen tausend jubelnden Frauen findet das erste offizielle Fußballspiel
zwischen der Frauennationalmannschaft des Iran und einer Berliner Mädchenbezirksmannschaft statt. Alle Frauen spielen im
traditionellen Tschador, Männern ist der Besuch des Spiels untersagt und nach 90 Minuten wird auf den Tribünen
ausgelassen gesungen und getanzt.
Football Under Cover ist die Vorgeschichte und Geschichte eines Fußballspiels, das viel mehr ist als
ein einfaches sportliches Ereignis. Die Kreuzberger Fußballerinnen sind ein ziemlich lustiger Haufen,
viele stammen selbst aus muslimischen Familien, aber die Kultur und Haltung ihrer iranischen "Gegnerinnen" ist ihnen längst
fremd und unverständlich. Unpraktisch sei es schon, mit dem Kopftuch und im Gewand zu spielen, sagt Susu, die
Linksverteidigerin, aber es gehe. Football Under Cover heißt dieser kleine Dokumentarfilm, der bei
der Berlinale ein riesiger Publikumserfolg war und das originelle, manchmal etwas amateurhafte Erstlingswerk
eines jungen Filmstudenten und seiner vier Geschwister ist. Fußball, wie man ihn noch nie gesehen hat, als Vorspiel zum
Finale der Europameisterschaft.

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