Literatur im Nebel 2010 |
Hans Magnus Enzensberger


Optimistisches Liedchen


Hie und da kommt es vor,
daß einer um Hilfe schreit.
Schon springt ein andrer ins Wasser,
vollkommen kostenlos.

Mitten im dicksten Kapitalismus
kommt die schimmernde Feuerwehr
um die Ecke und löscht, oder im Hut
des Bettlers silbert es plötzlich.

Vormittags wimmelt es auf den Straßen
von Personen, die ohne gezücktes Messer
hin- und herlaufen, seelenruhig,
auf der Suche nach Milch und Radieschen.

Wie im tiefsten Frieden.

Ein herrlicher Anblick.

Hans Magnus Enzensberger, Leichter als Luft; Moralische Gedichte, 1999



Am 22. und 23. Oktober 2010 wird der deutsche Dichter, Schriftsteller, Essayist, Herausgeber, Übersetzer und Redakteur Hans Magnus Enzensberger bei "Literatur im Nebel" in Heidenreichstein zu Gast sein.

Nach Salman Rushdie (2006), Amos Oz (2007), Jorge Semprún (2008) und Margaret Atwood (2009) ist er der fünfte Ehrengast dieses Literaturfestivals im nördlichen Waldviertel.

Wie schon anhand seiner Berufsbezeichnungen offensichtlich wird, ist das Werk von Hans Magnus Enzensberger ein äußerst breit gefächertes. Als brillanter Essayist wurde Enzensberger, der am 11. November 1929 in Kaufbeuren im Allgäu geboren wurde, rasch zum Star der jungen Schriftstellergeneration um Günther Grass, Ingeborg Bachmann und Peter Rühmkorf. Er war nicht Mitglied aber ständiger Gast der Gruppe 47, zu deren Treffen sich nahezu alle wegweisenden deutschen Autoren und Autorinnen einfanden, von Heinrich Böll über Paul Celan bis zu Ilse Aichinger, Uwe Johnson und unzähligen anderen.


    99 Fragen an Hans Magnus Enzensberger:
    www.zeit.de/2010/33/99-Fragen-Enzensberger


Bereits im Alter von 33 Jahren erhielt Hans Magnus Enzensberger die höchste deutsche Literatur-Auszeichnung, den Georg-Büchner-Preis.

Obwohl Enzensberger also sehr früh und schnell eine anerkannte intellektuelle Institution der Bundesrepublik Deutschland wurde, vermied er alle repräsentativen Rollen. Er wollte keine moralische Instanz sein und kein "linkes Gewissen". Er blieb ein Freigeist und wechselte konsequent die Positionen, wenn er dazu Veranlassung hatte. Dafür wurde und wird er nach wie vor kritisiert, was ihn in seinem Tun nur zu bestätigen scheint.

Hans Magnus Enzensberger entstammt einer bürgerlichen Familie und ist in Nürnberg aufgewachsen. Sein Vater war Oberpostdirektor, die Mutter Kindergärtnerin. Seine drei jüngeren Brüder sind der Anglist Christian, der Autor Ulrich, der auch als Gründungsmitglied der legendären Berliner Kommune I bekannt geworden war und der bereits verstorbene Martin Enzensberger.

Enzensberger wurde gezwungen der Hitlerjungend beizutreten, von der er aber aufgrund seines widerspenstigen Verhaltens wieder ausgeschlossen wurde. Von 1949 bis 1954 studierte er Literaturwissenschaft, Sprachen und Philosophie in Erlangen, Hamburg, Freiburg/Br. und Paris. Zusammen mit Alfred Andersch arbeitete er von 1955 bis 1957 in der Redaktion von "Radio Essay" des Süddeutschen Rundfunks Stuttgart, wo er durch kritische Beiträge einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde.

1957 erschien sein erster Gedichtband verteidigung der wölfe, der ihm die Bezeichnung "zorniger junger Mann" von Alfred Andersch eintrug und den Grundstein für sein einzigartiges lyrisches Schaffen legte. Hier wie auch in den folgenden Werken rechnet er in einem direkten, fast aggressiven Stil unter anderem mit der rückständigen Politik der Adenauer-Ära ab. Damit positioniert Enzensberger die Lyrik nicht als Form für Gefühlsergüsse, sondern als politisches, theoretisches und ideelles Medium.

Im gleichen Jahr zog Enzensberger als freier Schriftsteller nach Stranda (Norwegen), wechselte 1959 für ein Jahr nach Lanuvio bei Rom, arbeitete 1960 als Lektor beim Suhrkamp Verlag in Frankfurt/Main um sich dann 1961 auf Tjøme, eine Insel im Oslofjord, zurückzuziehen. Mit dem 1960 herausgegebenen Museum der modernen Poesie im Suhrkamp Verlag beginnt seine herausragende Herausgeber- und Übersetzertätigkeit, die den deutschen Lesern viele bis dahin unbekannte Autoren wie William Carlos Williams, Fernando Pessoa, Pablo Neruda oder Lars Gustafsson nahebringt. Eine Fellowship an der Wesleyan University brach er 1968 unter Protest gegen die US-Außenpolitik ab und ging für ein Jahr nach Kuba. Von 1965 bis 1975 gab Enzensberger die Zeitschrift Kursbuch heraus, mit der er zu einer Orientierungsfigur der Studentenbewegung wurde.

Ab Mitte der Sechzigerjahre verlagerte sich Hans Magnus Enzensbergers Interesse immer mehr von der Poesie zu Politik. Im Zuge dessen beschäftigte er sich stark mit dokumentarischer Literatur und verstärkte seine essayistische Arbeit. Er erweiterte sein Tätigkeitsfeld und war für die Oper als Librettist, das Theater, das Fernsehen und weiterhin für den Rundfunk tätig. In diesen Medien setzte er sich auch mit den Medien selbst auseinander. Seine Medienkritik gipfelte in dem Essay "Baukasten zu einer Theorie der Medien", den er 1970 verfasste. Darin greift er vor allem das Fernsehen an, dem er eine Steuerungs- und Kontrollmacht über die Gesellschaft zuschreibt und fordert einen emanzipatorischen Mediengebrauch.

Neben einer erneuten kontinuierlichen Gedichtproduktion ab den Siebzigerjahren erschienen auch weiterhin zahlreiche Essaybände zu den Themen Migration, Bürgerkrieg, Lyrik, Mathematik und Intelligenzforschung. Unter den Gedichten sticht das Versepos Der Untergang der Titanic (1978) heraus.

1980 gründete er mit Gaston Salvatore das Kulturmagazin TransAtlantik, das er 1982 wieder verließ. Von 1985 bis 2007 gab er zusammen mit Franz Greno die Buchreihe Die Andere Bibliothek heraus. Singulär ist diese Edition sowohl in ästhetischer als auch in inhaltlicher Hinsicht: Allmonatlich erscheint eine literarische Kostbarkeit, darunter deutsche Erstausgaben hierzulande unbekannter ausländischer Autoren, Originalausgaben als auch Klassiker. Auch mit seinen Kinderbüchern - Zupp, Der Zahlenteufel, Estherhazy, Wo warst du, Robert?, Bibs - ist Hans Magnus Enzensberger sehr erfolgreich. Er veröffentlichte unter den Pseudonymen Andreas Thalmayr, Linda Quilt, Elisabeth Ambras sowie Serenus M. Brezengang.

Bis zum heutigen Tag ist Hans Magnus Enzensberger eine unerlässliche Stimme im politischen Diskurs und es gelingt ihm immer wieder, wichtige kulturelle und politische Debatten anzustoßen. In seinem Buch Schreckens Männer; Versuch über den radikalen Verlierer (2006) beschäftigt er sich mit Gewalttätern, die ihrem eigenen und dem Leben möglichst vieler anderen ein Ende machen. Enzensberger dazu: "Man muß nicht alles verstehen, aber ein Versuch kann nicht schaden". Jenseits der Ideologie sucht er nach Gemeinsamkeiten zwischen dem Amokläufer und dem islamistischen Selbstmordattentäter.

Sein oftmals als Zickzackkurs beschriebener ideologischer Weg wurde in den vielen Würdigungen zu seinem 80.Geburtstag 2009 nicht mehr wie früher oftmals negativ, sondern als "prinzipielle Zustimmungsverweigerung", ja sogar als "frühe Postmoderne" beurteilt und geschätzt. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhielt Hans Magnus Enzensberger 1962 und 1978 den Deutschen Kritikerpreis, 1963 den Georg-Büchner-Preis, 1985 den Heinrich-Böll-Preis, 1998 den Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf, 2002 den Prinz-von-Asturien-Preis, 2006 den Premio d’Annunzio für sein Gesamtwerk und 2009 den dänischen Sonning-Preis.


Werke

Lyrik:
verteidigung der wölfe, 1957
landessprache, 1960
Gedichte. Die Entstehung eines Gedichts, 1962
blindenschrift, 1964
Mausoleum. 37 Balladen aus der Geschichte des Fortschritts, 1975
Der Untergang der Titanic. Eine Komödie, Versepos, 1978
Die Furie des Verschwindens, 1980
Zukunftsmusik, Gedichte, 1991
Kiosk. Neue Gedichte, 1995
Leichter als Luft. Moralische Gedichte, 1999
Die Geschichte der Wolken. 99 Meditationen, 2003
Rebus, 2009

Essays (Auswahl):
Brentanos Poetik, 1961 (Druckfassung der Diss. Erlangen 1955)
Einzelheiten I & II, 1962
Politik und Verbrechen, 1964
Deutschland, Deutschland unter anderem, 1967
Staatsgefährdende Umtriebe, Rede zur Verleihung des Nürnberger Literaturpreises, 1968
Palaver. Politische Überlegungen 1967-1973, 1974
Politische Brosamen, 1982
Ach, Europa! Wahrnehmungen aus sieben Ländern, 1987
Mittelmaß und Wahn. Gesammelte Zerstreuungen, 1988
Die Große Wanderung, 1992
Aussichten auf den Bürgerkrieg, 1993
Zickzack, Aufsätze, 1997
Zugbrücke außer Betrieb: Die Mathematik im Jenseits der Kultur (d/e), 1999
Nomaden im Regal, 2003
Lyrik nervt! Erste Hilfe für gestresste Leser, 2004 (unter dem Pseudonym Andreas Thalmayr)
Heraus mit der Sprache. Ein bisschen Deutsch für Deutsche, Österreicher, Schweizer und andere Aus- und Inländer, 2005 (unter dem Pseudonym Andreas Thalmayr)
Schreckens Männer - Versuch über den radikalen Verlierer, 2006
Im Irrgarten der Intelligenz, 2007
Fortuna und Kalkül - Zwei mathematische Belustigungen, 2009

Prosa:
Das Verhör von Habana, 1970
Der kurze Sommer der Anarchie. Buenaventura Durrutis Leben und Tod, 1972
Der Weg ins Freie. Fünf Lebensläufe, 1975
Heiss & Kalt, Erotische Erzählungen, 1987 (unter dem Pseudonym Elisabeth Ambras)
Josefine und ich - Eine Erzählung, 2006
Schauderhafte Wunderkinder, 2006 (unter dem Pseudonym Linda Quilt)
Hammerstein oder der Eigensinn, Biographie, 2008

Dramen:
Der Menschenfreund, 1984
Diderot und das dunkle Ei, 1990
Die Tochter der Luft, 1992
El Cimarrón. Biographie des geflohenen Sklaven Esteban Montejo, 1972.
Nieder mit Goethe! / Requiem für eine romantische Frau, 1995.

Kinder- und Jugendbücher:
Zupp, mit Gisela Andersch, 1958
Estherhazy, mit Irene Dische, illustriert von Michael Sowa, 1993
Der Zahlenteufel, illustriert von Rotraut Susanne Berner, 1997
Wo warst du, Robert?, Roman, 1998
Bibs, illustriert von Rotraut Susanne Berner, 2009

Sammelbände:
Erinnerungen an die Zukunft, 1988
Der Fliegende Robert. Gedichte, Szenen, Essays, 1989
Mit freundlichen Grüßen, 1993
Diderots Schatten. Unterhaltungen, Szenen, Essays, 1994
Geisterstimmen, 1999
Die Elixiere der Wissenschaft. Seitenblicke in Poesie und Prosa, 2002
Dialoge zwischen Unsterblichen, Lebendigen und Toten, 2004

Editionen (Auswahl):
Clemens Brentano: Gedichte, Erzählungen, Briefe (als Hrsg.), 1958
Die Denunziation des Tourismus, (als Hrsg.) 1959
Museum der modernen Poesie (als Hrsg.), 1960
Allerleirauh. Viele schöne Kinderreime (als Hrsg.) 1961
Vorzeichen. Fünf neue deutsche Autoren (als Hrsg.), 1962
Georg Büchner, Ludwig Weidig: Der Hessische Landbote. Texte, Briefe, Prozeßakten (als Hrsg.), 1965
Bartolomé de las Casas: Kurzgefaßter Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder (als Hrsg.), 1966
Freisprüche. Revolutionäre vor Gericht, 1970
Klassenbuch (als Mithrsg.), 1972
Gespräche mit Marx und Engels, 1973
Das Wasserzeichen der Poesie oder Die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen (unter dem Pseudonym Andreas Thalmayr), 1985
Europa in Trümmern/Europa in Ruinen, 1990
Nie wieder! Die schlimmsten Reisen der Welt (als Hrsg.), 1995
Eine literarische Landkarte, 1999

Programm



Das Haus an der Burggasse es liest Sylvester Groth
Irene Dische über Hans Magnus Enzensberger
Über die Schwierigkeit ein Inländer zu sein es lesen Mavie Hörbiger, Sylvester Groth, Johann Adam Oest und Gaston Salvatore
Hans Magnus Enzensberger im Gespräch mit Gaston Salvatore



Leichter als Luft es liest Eva Mattes
Meldungen vom lyrischen Betrieb es lesen Irene Dische und Josef Winkler
Ein Souvenir vom Untergang der Titanic es liest Peter Turrini
Der Untergang der Titanic es lesen Maria Happel, Silke Hassler, Mavie Hörbiger, Johann Adam Oest, Ewald Palmetshofer und Bernhard Strobel




Nomaden im Regal es liest Ilija Trojanow
Die Poesie der Wissenschaft es lesen Kathrin Röggla und Richard Obermayr
Die Mathematiker es liest Katja Jung
Vortrag von Rudolf Taschner
Hans Magnus Enzensberger im Gespräch mit Christoph Ransmayr
Ein Hase im Rechenzentrum es lesen Katja Jung, Dirk von Petersdorff und Rainer Wieland



Schreckens Männer es liest Martin Wuttke
Hammerstein oder Der Eigensinn es lesen Hans Magnus Enzensberger, Maria Happel, Eva Mattes und Kathrin Röggla


Biografie Hans Magnus Enzensberger